Postkarte "Gartenvagabunden"

Kurzlebige Stauden

Pflanzen mit einer kurzen Lebenserwartung, die im ersten Jahr nur eine Rosette bilden und nach dem einmaligen Blühereignis absterben sind den meisten Gärtnern eher lästig. Da man diese Gewächse auch selten kaufen kann, muss man sie zudem selber aussäen oder den Pflanzen die Selbstaussaat gestatten. Gelenkte Wildnis setzt im Garten Wissen und ein wenig Durchsetzungsvermögen voraus. Vieles geschieht ohne Plan.

Oft entwickeln sich die schönsten Exemplare des in der Mittelmeerregion heimischen Muskateller-Salbeis Salvia sclarea und des aus Italien stammenden Purpur-Leinkrautes Linaria purpurea an Stellen, die man aktiv nicht bepflanzt hätte. Lücken, die zu klein oder Pflanzplätze, die zu trocken schienen, machen sie zu ihrem Standort und locken über viele Wochen Wildbienen und Hummeln.

Die von schattigen Knicks und Wegrändern bekannte heimische Rote Lichtnelke Silene dioica lässt sich sehr gut in einem großen Kübel kultivieren. Pflanzen, die sich bei ausreichend Feuchtigkeit in gutem Boden entwickeln dürfen warten im zweiten Jahr mit sehr reicher Blütenfülle auf. Hier sind es vor allem Schmetterlinge und langrüsselige Hummeln, die als Blütenbesucher angelockt werden.

Die heimische Färber-Kamille Anthemis tinctoria (= Cota tinctoria) (Besiedler von eher nährstoffarmen Trockenrasen oder Bahndämmen) und die ebenfalls heimische Wiesen-Flockenblume Centaurea jacea (Wiesenart mit sehr hoher Anpassungsamplitude, was den Nährstoffgehalt und die Wasserverfügbarkeit des Standortes angeht) lassen sich z.B. in einer ‘gepflanzten’ Wiese oder Steppennachbildung im Garten einsetzen. Beide Wildarten locken viele unterschiedliche Insekten und beide blühen über einen sehr langen Zeitraum von Juni bis September. Ein Rückschnitt nach der Hauptblüte fördert bei beiden Arten eine Nachblüte. Möchte man sie im Garten erhalten, lässt man am besten Selbstaussaat zu, lernt die auflaufenden Keimpflanzen und die Jungpflanzen erkennen und beim Jäten gezielt stehenzulassen oder an gewünschte Standorte umzusiedeln.

Der auf der Rückseite abgebildete Färber-Waid Isatis tinctoria war zum Aufnahmezeitpunkt schon verblüht. Auch diese Zweijährige, die mit einer gelben Blütenwolke von Mitte Mai bis etwa Mitte Juni Insekten lockt, hat einen Platz im Garten durchaus verdient. Uneingeweihte werden den Färber-Waid in Blüte allerdings sofort als Raps identifizieren und ausreißen wollen.